"Böse Musen"

   Leseprobe aus dem 1.Kapitel



Ich genieße das über mich stürzende Wasser, halte mein Gesicht in seine Fluten, ich pruste mich aus dem Schlaf in den Tag und spüre wie die Nacht sich lockert, wie verklebte Träume sich lösen und tauche auf. Meinem Nacken aber noch einmal biete ich den Katarakt zur Belebung, gönne wiederum meinen Brüsten seine prasselnde Kraft zur gesteigerten Lust – erneut das Gesicht – den Nacken – den Po auch – den Bauch und die Brüste wieder: so winde ich mich im stürzenden Wasser, senke dessen Temperatur mit Hebelkraft nun langsam auf erfrischend, auf kalt, dann wieder auf heiß – von erschauerndem Genuss in porenoffenes Genießen ...

Ilka Büntler steht an diesem ungemütlichen Novembertag, es ist keine neun Uhr und noch dunkel draußen, unter der Dusche und, wie sie es gern sagt: sie schwimmt ins Leben. Das heiße Wasser genießt sie, um sich das kalte zu gönnen, sie prustet und fühlt sich so jung wie der Tag, ein bisschen Kind auch und ebenso ausgelassen. Da hört sie den schrillen Schrei des Telefons: das ruft und zerrt an ihr, und triefend und pudelnackt doch gut gelaunt tapst sie zu ihrem Schreibtisch, ihre Fußabdrücke sieht sie dunkel-nass auf dem hellbeigen Teppichboden wie Spuren im Sand, da gluckst sie freudig und hüpft ein verrücktes Muster, hebt dann ab und sagt: „Büntler.“

„Ilka“, hört sie ihre Mutter, „wo steckst du nur?“

„Mama“, sagt Ilka, „am Telefon.“

Und Mama denkt sie, dass sie immer noch Mama sagt, grollt sie, wenn sie auch weiß, dass dieses Wort, dass diese Anrede nur noch eine leere Sprachhülse ist, aus Kindergewohnheit geformt, aus Schlamperei hängengeblieben, denn im Verlauf von Trennung und Scheidung der Eltern verlor sich dem Wort Gefühl und Wärme, alle Zuneigung und alles Vertrauen. Und so ärgert sich Ilka über dieses unbedachte und von der Liebe Nabelschnur längst abgetrennte Mama – die Mutter war ihr im Verlauf der Pubertät schon fremd geworden und schuldig an all den familiären Missstimmungen, die in der Trennung der Eltern kulminierten. Ilka fühlt die Mutter der Konnotation von Mama seit langem schon nicht mehr wert und ihr eigentlich unwürdig. Sie hatte es mit ihrem Vornamen, mit Helen versucht, das aber war ihr als ein Standard nicht gelungen – ihren Vater jedoch nannte sie Rudolf und hätte ihn doch lieber Vati oder Papa oder Paps genannt. So war ihr die Welt der Eltern verrutscht und auch sprachlich missraten.

Ilka, sei nicht immer so patzig!“ Und natürlich folgt jetzt: „Kind!“

„Mama!“ begehrt das Kind da auf und denkt: typisch, meint der Mutter Beharren auf Kind und die eigene Reaktion darauf: Mama!

Ihre Mutter aber merkt nichts von Ärger und Aufbegehren.

„Ich möchte wissen, was du in der letzten Zeit gemacht hast! Nachdem du nicht mehr am Theater bist und auch nicht umgezogen. Seitdem habe ich nichts mehr von dir gehört.“

„Ich bin wieder am Theater.“

„Wie bitte?“

„Ja, und für den Umzug reicht mir noch immer ein VW-Bus.“

„Ilka, was heißt das? Du hast doch gar keinen VW -“

„Leander hat einen.“

„Leander?“

„Ja.“

„Und wer ist Leander? Kind, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Was heißt das, dass du wieder am Theater bist? Ich denke, du hast dich da mit allen überworfen und gekündigt und -“

„Ich bin ja auch nicht mehr am Schauspielhaus, ich habe jetzt mein eigenes Theater. Und überworfen hatte ich mich auch nicht mit allen, sonst hätte mir Leander ja wohl nicht beim Umzug geholfen.“

„Wer also ist nun Leander?“

„Leander ist Techniker bei den Bühnen.“

„Das hört sich aber gar nicht nach Techniker an: Leander. – Und der – ich meine, der ist dein – mit dir ...“

„Nein.“

„Ah, nicht – der ist schwul, oder?“

„Mama, es sind ja nicht alle schwul an diesem Theater. Und ich weiß auch nicht, warum du glaubst, dass jeder nichtschwule Mann, von dem ich den Namen weiß, gleich in meinem Bett gewesen sein muss.“

Ilka schüttelt sich – nicht wegen Leander und der kurz aufgekommenen Vorstellung von diesem Mann in ihrem Bett, wohl aber, weil ihr kalt geworden ist. Und noch einmal schüttelt es sie – dann schüttelt sie sich selbst, denn es hatte sie amüsiert, wie ihre Brüste auf das unwillkürliche Zucken ihres Körpers als eine trägere Masse sich umformten, aufwallten, sich verschlankten und schwangen.

„Warum kicherst du?“ fragt die Mutter.

„Helen“, versucht es Ilka nun sehr sachlich, „kannst du mich bitte in zehn Minuten wieder anrufen? Ich komme gerade aus der Dusche.“

„Du stehst da nackt und nass rum?“

„Ja. Und das will ich ändern.“

„Sag mal, Kind -“

„Mama!“ – Der Mama-Reflex ist offensichtlich nicht korrigierbar.

„Ich hoffe, man kann dich von draußen nicht sehen?“

„Mama! – nein!“

„Also zieh dir sofort was an! Dass du dich nicht erkältest. Ich rufe gleich wieder an.“

Ilka Büntler hatte an der Universität zu Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studiert und mit MA, mit Magistra cum laude, wie sie übermütig gern sagt, abgeschlossen. Während des Studiums und auch noch nach ihrem Examen hatte sie für den WDR, vornehmlich für die Abteilung Kulturelles Wort gearbeitet, die üblichen 5-Minuten-Beiträge für das Mosaik und für ein sonntägliches Kultur-Magazin „gebaut“, also vorproduziert, aber auch freigesprochene Beiträge hatte sie gemacht und gelegentlich Features zu kulturellen Fragen oder kulturpolitischen Problemen. Sie hatte gut verdient, sich dann aber doch für das Theater entschieden, als sie ein Angebot vom Staatstheater Wiesbaden erhalten hatte, wo sie dann zwei Spielzeiten als Dramaturgie-Assistentin mit Spielverpflichtung engagiert war. Daraufhin war sie zwei weitere Spielzeiten als Dramaturgin an das Landestheater Dinslaken ohne Spielverpflichtung engagiert worden, was es ihr ersparte, als Engelchen oder irgendein nettes Kuscheltierchen, als Häschen oder Küken in den Weihnachtsmärchen kurzzeitig minderbegabte Bühnenpräsenz zeigen zu müssen – oder in diesem Klassiker ein behaubtes Zöfchen, in jener Operette ein nächstes Stubenmädchen, eine dieser Wurzen also, die sonst keiner spielen mochte. Eine weitere Spielzeit hatte sie an den Städtischen Bühnen der Dom-Stadt erlebt, als Regieassistentin, dann hatte sie sich entschieden, frei zu arbeiten. Ilka Büntler hatte das Theater Outlaw-off gegründet und sie war beim Kulturamt hinsichtlich finanzieller und räumlicher Hilfen vorstellig geworden. Ilka Büntler, gebürtig aus Hameln und in der Rattenfängerstadt an der Weser aufgewachsen, ist nun 29 Jahre alt und eine einsneunundsiebzig große blonde Frau, die die langen Haare meist hochgesteckt trägt und sehr wohlproportioniert ist, für den interessierten Betrachter von lasziver Üppigkeit.


An diesem Morgen hatte sie gerade noch Zeit, sich abzutrocknen um dann etwas gegen ihre zu trockene auf die Dreißig zugehende Haut zu tun. Sie hatte zunächst ganz pragmatisch Arme und Beine mit einem Alverde-Wildrose-Sanddorn-Pflegeöl eingerieben und dabei an ihre Mutter gedacht: an diese sachlich-coole Apothekerin, die mit ihrer Tochter nie recht etwas hatte anfangen können, die in letzter Verzweiflung und völliger Unfähigkeit schon mit der Achtjährigen lieber über politische Tagesereignisse und die Gesundheitsreform – damals schon ein heißes Eisen – hatte debattieren wollen, als diese einfach mal ohne viel Worte in den Arm zu nehmen. Auf eine solche Idee, auf den Gedanken an eine solch selbstlose Zärtlichkeit einem anderen Menschen gegenüber war Dr.Helen Büntler, geborene Zeitig, als Mutter ihrer einzigen Tochter gegenüber nie gekommen.

Ilka hatte sich, inzwischen eher lustvoll, Po, Bauch und Brüste eingeölt und an ihren Vater gedacht, an Rudolf, der als Berufsschullehrer mit den Fächern Deutsch und Sozialkunde bei seinen Schülern, das wusste sie, immer noch sehr beliebt ist und meist in mindestens einer Klasse auch Vertrauenslehrer. Sie liebte ihn, da er sie von der Schule heimgekommen jeden Tag gefragt hatte, wie es ihr gehe und was sie erlebt habe. Erzähl mal, hatte er immer gesagt; er hatte Interesse und Zeit für sie, ihre frühen Kümmernisse und auch ihre späteren Probleme hatte er verstanden – bis alles auseinandergebrochen war. Ilka hatte der Mama die Schuld gegeben und den Rudolf weiterhin geliebt und verehrt und ist noch heute der einen gegenüber skeptisch-distanziert, dem anderen aber schenkt sie ihre ganze Sympathie.
Als sie nun der fettigen Finger wegen unfähig ist, irgendetwas zu tun als dazustehen und sich die Hände zu reiben, erinnert sie sich noch an Alexander, den sie mit 15 Jahren kennengelernt und den sie zu lieben gedacht hatte, bis dass der Tod sie scheide. Aber sie hatte ihn, als ihre Eltern sich kurz vor ihrem Abitur scheiden ließen, von heute auf morgen verlassen, und mit dem letzten Verreiben des Öls in den Händen zerrt sie, von einem übertriebenen Kopfnicken begleitet, noch einmal in ihr Bewusstsein, dass sie seit Alexander eigentlich keine feste Bindung mehr eingegangen war und dass sie all ihre Affären, ihre Lieb- und Leidenschaften mit Männern um wenigstens zehn Jahre älter gehabt hatte – Ilka ist versucht, ihre Hände weiter und weiter zu reiben, zu ringen, als das Telefon sie in das Hier und Jetzt zurückschrillt.

Mit spitzen Fingern nimmt sie den Hörer ab und es ist tatsächlich ihre ungeduldige Mutter: „Ilka, du musst daran denken, bitte – ich weiß ja, wie vergesslich du manchmal bist, also denk daran – Moment mal – Nein, Glucophage müssen wir bestellen ...“

Ilka weiß, die Pharmazeutin ist jetzt in ihrer Hamelner Apotheke gefordert und gelangweilt hört sie, dass Dr. Büntler Glucophage einer Patientin als ein nicht ganz unbedenkliches Medikament erklärt: „Ich weiß, dass Ihr Arzt Ihnen das verschrieben hat, ja ... Sie sind Diabetikerin, ich weiß ... und darum Glucophage, das verstehe ich alles sehr wohl ... Natürlich kann ich Ihnen das bestellen, Frau Leberecht wird das gleich machen, nicht wahr, Frau Leberecht? Ich möchte Sie nur darauf hinweisen, dass dieses Medikament, wie Phenformin oder Rastinon, nur unter strengster ärztlicher Aufsicht eingenommen werden sollte, denn es kann zu einer Milchsäure-Überzuckerung des Blutes führen und das kann lebensbedrohlich sein ...“

Ilkas Gedanken schweifen von der Problematik der Diabetes-Therapie und ihrer adäquaten Medikation ab, sie zieht sich einen Notizblock über den Schreibtisch und notiert: Kulturamt anrufen / Circe anrufen / weitere Besetzung klären / Wer kann die Winnie spielen?

„Ilka?!“

Die Gerufene richtet ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Mutter.

„Also Ärzte gibt es – man verschreibt heute Glucophage eigentlich nicht mehr, die Nebenwirkungen sind eklatant und im Zweifelsfall letal. Medikamente mit dem Wirkstoff Biguanide sind in ihren Nebenwirkungen weitgehend ungeklärt und, bis eben auf Glucophage, auch nicht mehr auf dem Markt -“

„Mama?“

„Ja?“

„Ich wollte keine Beratung über dieses Glucodingsda, ich bin auch nicht zuckerkrank, ich friere.“

„Bist du immer noch nicht angezogen?"

„Du gibst mir ja keine Chance.“

„Kind, wenn dich so wer sieht!“

„Helen!“

„Was heißt hier Helen!? Du kannst ruhig Mama sagen, aber manchmal ärgert es mich eben, wenn du -“

„Warum hast du mich eigentlich angerufen?“

„Ich?“

„Ja, du.“

„Ach ja, ich wollte dir sagen, dass dein Vater heute -“

„Mama, ich weiß, dass Rudolf -“

„Dass du immer Rudolf sagen musst!“

„Ich weiß, dass er heute Geburtstag hat. Und ich werde nicht vergessen, ihn anzurufen, gleich wenn er aus der Schule nach Hause gekommen ist.“

„Kind – er wird fünfzig.“

„Ich weiß. Ich habe einen jungen Vater.“

„Sag ihm das bitte. Das wird ihm gut tun!“

„Ich sag’s ihm.“

„Dann ist es ja – Kind, ich hab es ja nur gut gemeint. Also zieh dich jetzt endlich an.“

„Tschüss, Mama.“

„Tschüss, mein Kind.“

„Ich heiße Ilka! Sag doch bitte nicht immer -“

Genau in diesem Moment muss es nun an der Wohnungstür schellen, laut, bis Hameln hörbar.

„Was war das, Ilka?“

„Es hat geklingelt.“

„Wer – Ilka, wer kommt denn da? Du bist doch noch gar nicht – doch nicht etwa dieser Leander?“

„Mama, ich weiß nicht, wer da ist, und ich werde nackt bestimmt nicht aufmachen!“

„Kind, das will ich hoffen!“

„Mama! Ich bin kein Kind mehr! Und ich hab im Moment auch gar keinen Bock, mit irgendeinem Mann ins Bett -“

„Ilka!“ warnt die Mutter – zu spät.

„Mama, ich habe jetzt wirklich keine Lust, mit irgendjemandem zu vögeln -“

„Ilka!“ schimpft es aus dem Hörer, aber: „Mach dir bitte keine Sorgen, okay!? Und mach es gut!“ überhört Ilka das Gezeter und legt auf.

Da schellt es – es ist gleich Zehn – zum zweiten Mal. Und dass es ihr Nachbar ist, der da klingelt, dessen ist sich Ilka sicher. Denn kaum war sie vor einer Woche hier eingezogen, hatte der sich an ihre Fersen geheftet und war präsent: mal an der Haustür, wenn sie heim-, mal am Briefkasten, wenn die Post kam oder vor ihrer Wohnungstür, wenn sie ausging, und jetzt also begehrt er Einlass. Aber Ilka will nicht, will nicht in diesem Moment, nicht an diesem Morgen ...

Ich will diesen Mann ganz und gar überhaupt nicht! Sein einziger Reiz ist, dass ich für ihn von Reiz bin – und das ist mit zu einseitig. Wenn es aber nur ein Zufall gewesen ist, dass ich ihn in der letzten Zeit so verdächtig oft gesehen habe, dann ist er auf alle Fälle aber recht eigentlich viel zu jung für mich! Sein Alter ist ja schwer zu schätzen, aber er wird doch wohl nur so knapp über Dreißig sein.

An der Uni hatte Ilka seit dem vierten Semester ein Verhältnis mit dem Institutsleiter, der gerade seine Silberhochzeit gefeiert hatte; in Wiesbaden war sie mit dem als bisexuell verschrienen grauschläfigen Chef-Dramaturgen liiert gewesen und hatte zudem eine Affäre mit dem seit über 15 Jahren an diesem Theater engagierten Oberspielleiter, während dessen Frau für ein Stückengagement in Bonn war; in Dinslaken hatte sie eine Liebelei mit dem der Rente nahen Intendanten, der ihr ständig beteuerte, dass er für sie a) weder seine Ehe noch b) seine Frau opfern wolle, was sie aber a) auch nie von ihm erwartet und b) schon gar nicht verlangt hatte; an den Städtischen Bühnen hier waren dann alle leitenden Herren schwul und Ilka Büntler hat seit diesem Engagement am Rhein gar kein Verhältnis mehr gehabt, keine Affäre, keinen One-night-stand und auch des Tags nicht einen einzigen singulären Fick.

Aber wie ist eigentlich noch sein – also, wie heißt dieser aufdringliche Nachbar bloß noch? Der hat sich mir ja irgendwann einmal vorgestellt: Ich heiße sowieso, hatte er gesagt, Max oder so, aber meine Freunde nennen mich – mein Gott, hat der wirklich Columbus gesagt? Columbus!? Naja, wie auch immer ... Doch nein, nicht Columbus: Marcopolo! Das war‘s! Marcopolo! Gut, auch schön und doch nicht wichtig. Marcopolo – dieser Wichtigtuer ...

Ilka ist vor dem großen Spiegel ihres Kleiderschranks stehengeblieben. Sie schaut sich an, ist nackt noch immer und sie posiert, sie ist allein und leistet sich das jetzt einfach mal, erinnert sich an Zolas Nana, die sich das auch immer mal wieder gegönnt hat. Ilka aber treibt keine Eitelkeit, keine Gefallsucht, sie posiert, so gewagt sie kann, mit Trotz gegen die Mama, die so etwas nie sehen dürfte, und Ironie unterlegt sie ihren Gebärden, Ironie gegen den Mann da draußen, der sicher gern zugucken würde, der aber nichts sehen kann und auch nie dürfte – Ilka gönnt nun eine Pose ihrem Po, eine andere ihrem Unterleib, die dritte den Brüsten, sie ist zufrieden, sehr zufrieden, auch eitel jetzt, und die Beine spreizt Ilka, sie riskiert viel in ihrem Trotz, die flache Hand auf dem Bauch zieht sie ihre Scham zum Nabel hin, zieht bis ins Obszöne, in eine Vaginal-Pose: die Scham quillt vor, die Lippen öffnen sich ...

Da möchtest du wohl zukucken, Marcopolo, ja? Soll ich es dir zeigen? Alles für dich? – Sieh mal, was mein Finger da macht: die feuchte Spur einer Schnecke zieht er aus der Tiefe meines Leibs bis hin zum Bauchnabel, eine klebrige Süße, und die willst du lecken, ja? Dich mit deiner Zunge in mich verlieren, meine Abgründe erobern, jaja, Marcopolo Grottenmolch? Aber wenn du deiner lüsternen Zunge folgst, siehst du – und das ist doch sehr schade – nicht meine lustvollen Titten, zwei geile Früchte, zwei pralle Blüten in deinen Himmeln. Ach, Marcopolo, greif sie, die da für dich schwingen, such mit deiner Zunge die Warzen, die groß sind und hart, suche sie mit den Lippen zu fangen – ja, nicht wahr, das möchtest du und gäbst was drum, mich so zu sehen, wie ich mich sehe, jetzt und immer, wenn ich es will, und ich will: meinen vollen Brüsten und auch meinem Bauch, meiner Muschi zuliebe und dem Po, dem knackigen – aber nicht wegen dir ...

Dass sie sich vor dem Spiegel gerade hat gehen lassen, eitel und narzisstisch, mit postpubertärer Renitenz, in männerfeindlichem, dem anderen Geschlecht aber doch affinem Sarkasmus, jenseits jeder Schamgrenze jedoch: dieses Wissen nimmt Ilka jetzt allen Reiz am Obszönen, es vergällt ihr die geile Lust und in der kognitiven Korrektur der Selbstwahrnehmung und -darstellung wird ihr Blick auf ihren nackten Körper sachlich. Sie steht nun die Beine züchtig geschlossen mit verschämter Scham etwas zur Seite gedreht und sagt: Okay!, in pragmatischer, sich gleichaltrigen Frauen gegenüber abgrenzender und in aller Manierlichkeit behaupteten Anerkennung ihrer akzeptablen Figur, als sie hört, und nach drei, vier schnellen Schritten auch sieht, dass etwas unter ihrer Tür durchgeschoben wird: die Post.

Ilka sammelt einen Brief ein, den ihr die Stadtverwaltung geschickt hat, dann findet sie einen Prospekt von Ikea. Dass sie aber doch längst schon lebe, murmelt sie, dass ihr eine solche Werbung aber lieber sei als der Ichbindochnichtblöd-Dumpfsinn dieser rot-schwarzen Cowboyfirma fürs Konsum-Prekariat denkt sie, den Werbeslogan der Firma vom Elch nun sogar für witzig und intelligent haltend. Dann hält Ilka eine Postkarte in der Hand, durch die die reizvolle Sex-and-the-City-Carrie alias Sarah Jessica Parker auch von Ilka die Aufmerksamkeit erhält, die deren Visagist, Designer und Fotograf unter Männern hofften in Anspruch nehmen zu können, und in Edding-Gold liest sie: Nur du, du, du allein ... über Carries langen Beine geschrieben, findet dann fünf Striche, darauf tanzen einige flotte Viertel- und Achtel-Noten, und auf der Rückseite liest Ilka die Einladung: ... sollst mir zum Brunch am kommenden Sonntag in der Filmdose, im Magnus oder im Engelbät, wo du auch willst, die Begleitung sein! Gern möchte Ilka sich als Sarah Jessica fühlen: die Schmeichelei mit Carrie also kommt an, die Einladung von, so der Unterzeichnende, Marcopolo in Hoffnung, aber viel weniger: Sehr viel weniger, du kleiner Mr. Little, murmelt Ilka vor sich hin, diesen hoffnungsvollen Schmeichler im Namen von Carries Mr.Big abwertend. Einen zweiten Blick wirft sie nun auf den Brief, den sie nicht als des Ordnungsamts Zahlungsaufforderung wegen eines Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung, sondern vom Kulturamt verschickt erkennt und eiligst aufreißt.

Der Brief ist an sie. Verehrte Frau Büntler liest sie, und dann, dass man sie – und mit Schrecken begreift die verehrte Frau Büntler, dass der heutige Tag gemeint ist – um elf Uhr zu einem Gespräch über die von ihr beantragte Förderung ihres Kafka/Beckett-Projekts als die erste Produktion des von ihr in diesem Herbst gegründeten Outlaw off-Theaters erwarte, und es würden sich sie zu empfangen freuen: der Leiter des Amtes, Herr Björn von Sydow, und die Theaterreferentin, Frau Griseldis Dankwart, beide im Namen der Kulturdezernentin, Frau Marion Höllenkrampfer, die, weil verhindert, grüßen lasse, gezeichnet Angelika Lehmann. Frau Lehmann?, denkt Ilka, dass sie nur Herrn Lehmann kenne, aus dem Kino, diese Frau aber sei ihr unbekannt, eine der vielen subalternen Kulturhilfskräfte wohl und hinsichtlich der Kurzfristigkeit des Termins eine Schlampe.

Egal. Ikea soll in den Papierkorb fliegen, verpasst ihn aber, Carrie flattert auf den Schreibtisch, kann sich auf dessen Kante aber nicht halten und landet neben Ikea auf beigen Teppichboden. Einen bordeauxroten BH wählt Ilka und schlüpft in gleichfarbige Pantys, Strumpfhosen müssen sein, es ist November, aber die Bluse ist in einem hellen Terrakotta, entgegen der Heiterkeit mediterraner Farbgebung jedoch von strengem Schnitt. Der dunkelbraune Rock ist ein edles knappes Stöffchen und natürlich müssen heute Highheels, blutrot, herhalten – die Sache will’s. Das italienische Jackett passt sich farblich an, das Ensemble also ist stimmig, die herausragenden Beine, seidenbestrumpft, sind so lang und so schön, dass jetzt das Gesicht Aufmerksamkeit verlangt: Eyeliner, Mascara, Lidschatten, Puder und Lippenstift, fünf Spritzer Angel dann von Thierry Mugler, das ist die Krönung. Hab ich noch was vergessen?, fragt sich Ilka – Zähne putzen, ach ja; dann steckt sie die blonde Mähne hoch, hüllt sich in einen flauschigen Wollmantel und schon, es ist Zehnuhrdreißig, knallt sie energetisch durch die Wohnungstür, schmettert sie hinter sich ins Schloss, ist schon ein Stockwerk tiefer, als Marcopolo „Ich!“ stottert und „Hast du!“ und „Wollen wir nicht?“ – Ilka ist schon aus dem Haus und längst auf der Straße, als der verwirrte Nachbar noch immer versucht, sie zum Essen einzuladen.



"Dos Cervezas"

Leseprobe aus dem Kapitel "Undine"

Dos Cervezas ist noch nicht wach, zwar schon im Bad, aber noch hat er sich nicht die Zähne geputzt, lediglich ein bisschen Wasser um die zu kleine Nase getupft und die darüber eng beieinander stehenden, tiefliegenden Augen ausgewischt, als das Telefon klingelt.

Mein Gott, Henrike, denkt er, Henrike klagt wieder einmal den Unterhalt ein – für dieses Kind, sein Kind, männlich, acht Jahre alt, gezeugt in einer Karnevalsnacht im Morgengrauen des Aschermittwochs. Einen ersten und letzten Moment ekstatischer Nähe hatten sie da erlebt – die folgenden zwei Jahre hatten sie sich angeschwiegen, hatten die Verletzungen dieser Karnevalsnacht nie überwunden. Immer fühlte er sich als fünftes Rad am Wagen, als notwendiges Übel nur, Spatz in der Hand, der verbittert die Brosamen ihrer raren Gunst aufpickte, aber sie ihr Unrecht auch immer spüren ließ, ihre, so rettete er sich: moralische Minderwertigkeit. Doch sie hatte über seinen Kopf und seine Moral hinweg ihre Träume ohne ihn gepflegt und dann hatten sie sich getrennt.

Nach der Scheidung hatte Dos Cervezas seinen Job bei einer Security-Firma geschmissen, war arbeitslos geworden, bezog irgendwann nur noch Arbeitslosenhilfe. Und der einzige Kontakt zu Henrike waren und sind ihre Anrufe, war und ist ihre Forderung nach zweihundert Euro Unterhaltszahlung, der Dos Cervezas nur unregelmäßig in der geforderten Höhe nachkommen konnte oder kann, wollte oder will. Er hat zu diesem Kind keinerlei Beziehung aufbauen können, dieser Sohn ist ihm nur eine finanzielle Belastung, auch nachdem Dos Cervezas Ich-AG-mäßig eine Detektei aufgemacht hatte, denn die kam nicht in Schwung, floriert bis heute nicht und Schröders Agenda 2010 sitzt ihm so sehr im Nacken, dass er es inzwischen bereut, damals im September die ihm heute so unsozialen Sozialdemokraten gewählt zu haben und damit diesen Medienkanzler, den er bald nicht mehr für das geringere, sondern, wie seit je die Stoiber-Merkel-Allianz, schlicht nur noch für ein Übel hielt. Darin war er sich laut EMNID mit über sechzig Prozent aller Wähler auch einig, und der Gedanke an das nach einer etwaigen Ich-AG-Insolvenz wieder anstehende AG II aufgrund von Hartz IV mit diesem Sockelbetrag von dreihundertfünfundvierzig Euro im Monat, dass er also, würde seine Detektei nicht baldigst florieren, in kurzer Zeit Sozialhilfeempfänger sein wird, machte ihn depressiv.

So nimmt er missgelaunt den Hörer ab und in Erwartung Henrikes ätzender Verbalinjurien aufgrund der wieder versäumten Unterhaltszahlung brüllt er in einer plötzlich in ihm aufsteigenden und sofort sarkastisch abgefangenen Erinnerung an die letzten glücklichen Urlaubs-Zeiten an der Costa Brava, de Luz oder Sol, an die letzten glücklichen Tage mit Henrike auf Mallorca: „Digame!“

„Oh, pardon“, sagt da eine angenehme, weiche Frauenstimme, die ganz anders und vor allem viel erotischer klingt, als die fordernde Schnarrstimme von Henrike. „Ich fürchte“, sagt diese sich bei Dos Cervezas einschmeichelnde Stimme, „ich habe mich verwählt – entschuldigen Sie, Herr Digameh.“
„Aber nein – nein“, beeilt sich nun Dos Cervezas, „das ist ein Missverständ-nis!“ Und nach einem gutturalen Charme in seiner Stimme suchend sagt er: „Sie sprechen mit“ – jetzt hat er das Gutturale – „der Privatdetektei Dos Cervezas. Was kann ich“ – und jetzt glaubt er auch an seinen Charme – „für Sie tun, liebe, gnäd’ge Frau?“

In seinem Ohr verklingt erleichtertes Aufatmen, dann hört er und schmilzt dahin: „Dos Cervezas, Privatdetektei – dann bin ich wohl doch richtig. Mit wem spreche ich bitte?“

„Mein Name ist Dos Cervezas.“

„Don Cervezas? Oh, ich dachte, das sei ein Firmenname.“

„Ist es auch. Ich bin die Firma und die Firma trägt meinen Namen: Dos Cervezas.“

„Ah, Dos Cervezas heißen Sie?“

„Ja.“

Sie lacht perlend: „Klingt eher nach einer Brauerei.“

Dos Cervezas ist nicht beleidigt – das ist die Stimme des Flirts, die er hört, und lachend versucht er witzig zu sein: „Brauerei? Aber dann müsste es doch wohl Muchas Cervezas heißen.“

„Tja, das ist richtig“, umgarnt ihn die Stimme, „Muchas Cervezas – eine Brauerei Dos Cervezas zu nennen, nun, das wäre zu dumm. Dennoch: Dos Cervezas ist auch für Sie ein seltsamer Name – aber nicht uninteressant.“

„Ist ja auch so eine Art Künstlername.“

„Aha – Sie sind ein Künstler?“

„Naja, nicht so direkt – also ich war immer gern in Spanien und hab später dann auch in meiner Stammkneipe hier in Köln für mich und einen Freund -“

„Sie haben dos cervezas bestellt – in Erinnerung an die schönen Tage von Aranjuez.“

„Jaja, Sie haben es – aber Aranjuez? Ich glaube nicht -“

„Da müssen Sie auch nicht gewesen sein, das war nur ein Zitat: Die schönen Tage von Aranjuez -“

„- sind nun vorüber – ich verstehe, gnädige Frau. Goethe.“

„Nein, Schiller, Don Carlos. Sie kennen das Stück? König Philipp liebt seine Frau Elisabeth, die aber liebt ihren Stiefsohn Carlos, der König will sich daraufhin die Gräfin Eboli zur Gespielin nehmen, aber die liebt – ach Gott, was erzähle ich da? Man nennt Sie also seit Ihrer hispanophilen Phase Dos Cervezas?“

„So ist’s, ja, genau.“

„Sympathisch.“

Es haut Dos Cervezas fast um: „Finden Sie?“

„Aber ja – seien Sie mir also gegrüßt, Herr – Herr Cervezas.“

„Sagen Sie ruhig Dos Cervezas.“

„Wie Ihre Freunde?“

„Wie meine Freunde.“

„Also, Dos Cervezas, ich habe da ein Problem.“

„Heraus damit, gnädige Frau. – Ach, wie war noch mal Ihr Name?“

„Ich habe ihn noch gar nicht gesagt.“

„Würden Sie ihn mir denn jetzt anvertrauen?“

„Sagen Sie – Griseldis zu mir.“

„Griseldis? Wie ihre Freunde?“

„Ja, genau – doch nun zu meinem Problem?“

„Bitte – Griseldis, erzählen Sie.“

„Hören Sie – Moment ...“, und ihre Stimme wird zu einem Flüstern, damit noch lasziver. Dos Cervezas spürt eine Gänsehaut den Rücken hochwandern: „Hören Sie“, flüstert Griseldis, „ich kann – jetzt geht es nicht – ich ruf Sie zurück – Dos Cervezas.“

Dann ist die Leitung unterbrochen.

Dos Cervezas zögert aufzulegen. Noch ganz im Bann dieser Stimme mag er nun nicht auch seinerseits die Verbindung abbrechen, diesen ersten Kontakt, das aufkeimende Glücksgefühl – lächelnde Hoffnung, zartes Versprechen.

„Griseldis“, sagt er dann, „ich warte auf dich.“

Dann legt er doch auf. Er will ins Bad, die Zähne putzen, duschen, sich rasieren, sich mit Aztek von Yves Rocher besprühen – er steht in der Tür, wirft noch einen Blick zum Telefon, geht zurück, setzt sich, will zur Zigarette greifen, begreift, dass er kürzlich Steffi wiedergetroffen und mit dem Rauchen endgültig aufgehört hat – nicht schlimm, denkt er und lächelt. Dos Cervezas lächelt das Telefon an.